RÜSTRINGER HEIMATBUND e. V.

 

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Weiße Weihnacht war immer die Ausnahme

Der häufig gehörten Behauptung älterer Zeitgenossen, früher habe es viel strengere Winter und fast immer weiße Weihnachten gegeben, ist Meinhard Wefer aus Steinhausen bei Bockhorn nachgegangen und berichtete darüber beim heimatkundlichen Klönabend des Rüstringer Heimatbundes.

Meinhard Wefer machte zunächst einmal deutlich, dass Menschen die Frage, ob ein bestimmter Winter besonders streng war, immer sehr subjektiv beantworten. Die Erinnerung wird nämlich nicht nur vom persönlichen Erleben des Winterwetters geprägt, sondern auch durch die sonstigen, oft negativen Begleitumstände. Deshalb sei es für die Bewertung nötig, die Wetteraufzeichnungen heranzuziehen. Die Meteorologen beurteilen die Strenge eines Winters übrigens nach der „Frostzahl“, das ist die Summe aller Tagesmitteltemperaturen im Minusbereich.

Für die Betrachtung hat der Referent zunächst die 100 Jahre von 1899 bis 1999 ausgewählt. Herausragende Winter sind darin sogar mit eigenen Namen belegt. Der mit Abstand strengste Winter in dieser Zeit war der „Große Winter“ 1939/40, gefolgt vom „Polarwinter“ 1962/63 und dem „Hungerwinter“ 1946/47. Der strengste Winter der 90er Jahre war der sogenannte „Endloswinter“ 1995/96, der sich durch eine außergewöhnlich lange Frostdauer von 107 Tagen auszeichnete.

Andererseits war der von den ältesten Mitbürgern vielleicht noch selbst erlebte „Steckrübenwinter“ 1916/17 gar nicht so außergewöhnlich. Es gab zwar einige äußerst kalte Wintertage mit bis zu minus 30 Grad, seinen Schrecken erhielt er aber vielmehr durch die schlechte Versorgungslage der Bevölkerung. Auch Willhelm Lauw berichtete darüber in seiner Waddenser Chronik: Die Landbevölkerung kam gut durch den Winter; aber in der Stadt war vieles sehr knapp. Da nicht genug Kartoffeln, aber sehr viel Steckrüben geerntet waren, mußten die Rüben bei den bedürftigen Leuten in Stadt und Land nicht nur Kartoffeln, sondern auch Brot ersetzen. Manche Familie mußte jeden Tag von den Rüben in irgendeiner Form essen. Es wurden sogar Rüben in Salz eingemacht, damit wir bis zum Sommer 1917 davon essen konnten.

Ein Blick in die Klimageschichte zeigt, dass von 900 bis 1300 die Temperaturen noch wesentlich höher waren als heute. Das milde Klima brachte einen allgemeinen Wohlstand mit sich und begünstigte so die Kulturblüte des Mittelalters. In den Heideklöstern um Lüneburg und selbst noch in Schottland wurde Wein angebaut. Die Wikinger erreichten damals Grönland (= Grünland) und bauten Getreide an. Um 1100 existierten dort ca. 190 blühende Siedlungen. Mit den milden Temperaturen einher ging aber auch ein spürbarer Meeresspiegelanstieg, der wiederum den Deichbau erforderlich machte.

Vom 14. bis ins 19. Jahrhundert hinein sackten die Temperaturen dann aber merklich ab. Diese Klimaverschlechterung hatte auch zahlreiche extreme Winter zur Folge. Allerdings werden in alten Chroniken solche Erscheinungen nur nebenher erwähnt. So heißt es in einer Chronik, dass „1600 die Weser bis auf den Grund zugefroren“ sei. Allerdings war sie damals noch sehr viel flacher als heute. In der absoluten Tiefphase des Klimas im 17. Jahrhundert lagen viele schlimme Ereignisse, z. B. der Dreißigjährige Krieg, Pest und Malaria wüteten in Europa.

Weiße Weihnachten sind ein Traum vieler Menschen, weil gerade dieses Bild die Besinnlichkeit und Ruhe ausdrückt. Durch den Schnee erscheint die Natur wie verzaubert. Meinhard Wefer nennt die Sehnsucht nach der „weißen Weihnacht“ einen Bestandteil unserer Kultur und unserer Erziehung. Viele alte Wintermärchen stammen nämlich aus einer Zeit, als es in Europa wirklich noch viel kälter und schneereicher war.

Aber er fragte sich auch, was denn dran sei an der Behauptung, früher habe immer weiße Weihnachten gegeben? Anhand alter Wetteraufzeichnungen konnte er nachweisen, dass in Oldenburg in den vergangenen 100 Jahren tatsächlich nur ganz selten zu Weihnachten Schneeflocken fielen. Von 1899 bis 1999 gab es exakt nur elfmal die weiße Pracht, also durchschnittlich rund alle zehn Jahre. Dieses war der Fall in den in den Jahren: 1899, 1906, 1923, 1938, 1956, 1962, 1963, 1964, 1970, 1981 und 1986. Auch gab es in dieser Zeit zwei Winter, 1974/75 und 1989/90, die ganz ohne Schnee waren.

In lebhafter Erinnerung ist vielen Menschen auch noch der „Katastrophenwinter“ 1978/79. Er nimmt in der Rangfolge der strengsten Winter zwar nur den 6. Platz ein, erhielt seinen Namen dann aber von den ergiebigen Schneefällen, die er den Bewohnern Norddeutschlands bescherte. Der anhaltende Sturm tat ein Übriges. Die Schneeverwehungen führten dazu, dass Höfe und selbst ganze Dörfer tagelang von der Außenwelt abgeschnitten blieben. Selbst die ältesten Mitbürger konnten sich nicht erinnern, jemals solche Schneemassen in dieser Gegend erlebt zu haben.

Hans-Rudolf Mengers

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