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Stallmist gegen Zement getauscht

Die Katastrophe ereignete sich über Weihnachten. In der Nacht zum 29. Dezember 1944 wurde der alte Hof der Familie Lübben in Langenriep bei Abbehausen ein Raub der Flammen. Innerhalb weniger Stunden brannte das Anwesen und der größte Teil des lebenden und toten Inventars nieder. Die Bewohner selbst entkamen mit knapper Not und konnten nur wenig retten. An Vieh blieb ihnen lediglich eine Kuh, sieben Kälber und vier Pferde.

Georg Lübben sen. berichtete über dieses Unglück einmal beim heimatkundlichen Klönabend. Er selber hatte es zwar nicht miterlebt, denn er war seit 1941 an der Ostfront und kurierte zu der Zeit eine Verwundung aus. So konnte er der Familie vorerst keinen Beistand leisten. Aber er hatte das Glück, am Ende des Krieges in englische Gefangenschaft zu geraten. Bereit im Juli 1945 wurde er in die Heimat entlassen.

Mit allen Kräften machte sich die Familie an den Wiederaufbau. Das war in der Zeit allerdings sehr schwierig. Zwar hatte die Brandkasse das Geld aus der Versicherung pünktlich bereitgestellt, nur gab es so gut wie kein Material zu kaufen. So musste an allen Enden improvisiert werden. Verhandlungsgeschick und geeignete Tauschobjekte waren häufig die einzige Möglichkeit, an das benötigte Baumaterial zu kommen.

Dass er dafür ein glückliches Händchen hatte, konnte der damals 24-jährige Georg Lübben mehr als einmal unter Beweis stellen. Das Holz für die Konstruktion des Hochrahmens war ursprünglich vorgesehen für den U-Bootbunker in Vegesack. Die gewaltigen Pfähle waren in den letzten Kriegsmonaten zwar noch gerammt worden, da sie aber nach dem Krieg den Schiffsverkehr behinderten, wurden sie nun wieder herausgezogen. Dieses Holz konnte Georg Lübben erwerben für 3000 Zigaretten der Marke Chesterfield. Die wiederum hatte er zuvor in einem amerikanischen Versorgungsdepot für ein gutes Nachtfernglas erhalten.

Für den Erwerb des Zements machte er sich auf die Reise zu einer Fabrik im Raum Osnabrück. Als Reisebegleitung hatte er seine Aktentasche mitgenommen, die mit selbst hergestelltem Käse gefüllt war. Während damit „die Türen zu den Büros leichter zu öffnen waren“, wurde er sich mit dem Werksleiter auf andere Weise einig. Für die Belegschaft wurde dringend guter Stallmist benötigt, damit die Gemüsebeete endlich wieder gedüngt werden konnten.

Man machte einen Vertrag über den Tausch von acht Waggon Stallmist gegen vier Waggon Zement und Zementkalk, den Waggon gerechnet zu 15 Tonnen. Viele Helfer waren nötig, um den Transport von der Hofstelle zum Verladebahnhof Abbehausen zu besorgen. Georg Lübben fuhr der wertvollen Fracht voraus und beobachtete anschließend den Abtransport am Bahnhof in Lengerich. Auch hier war alles bestens organisiert. Den Rentnern und Hausfrauen wurden die Handwagen und Karren einige Male vollgeladen und nach fünf Stunden war alles verteilt. Im Gegenzug erhielt Georg Lübben seinen Zement.

Nachdem er auch Steine, Dachziegel und anderes wichtige Baumaterial auf ähnliche Weise erstanden hatte, konnte schließlich im Frühjahr 1946 mit dem Bau begonnen werden. Für die Arbeiten hatte er tüchtige Handwerker gewinnen können. Immerhin war diese auch die einzige größere Baustelle im weiteren Umkreis. Die Löhne wurden noch in alter Währung ausgezahlt und betrugen ein bis zwei Reichsmark die Stunde.

Wichtiger war den meisten ohnehin die Beköstigung auf der Baustelle. Da der Betrieb das festgesetzte Soll bei der Ablieferung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen immer pünktlich einhielt, ließen sich auch Überschüsse erwirtschaften, die für die Versorgung der vielen Bauhandwerker eingesetzt werden konnten. Allerdings waren die Menschen in dieser Zeit des Mangels auch sehr genügsam, und auch ein Eintopf aus Feldbohnensuppe wurde mit Dankbarkeit angenommen. Der Bau ging gut voran und im November desselben Jahres konnte bereits das Vieh in den neuen Stall gebracht werden.

Der Bau des Wohnhauses wurde dagegen erst im folgenden Jahr in Angriff genommen und zog sich noch weit in das Jahr 1948 hinein. Inzwischen hatte sich die Zeit geändert. Es hatte eine Währungsreform gegeben und nun war plötzlich das Geld knapp. So gingen die Tauschgeschäfte vorerst weiter. Für die komplette Heizungsanlage, die übrigens aus Torpedorohrenden gefertigt wurde, betrug der Preis einschließlich Montage einen Zwölf-Zentner-Ochsen.

Hans-Rudolf Mengers

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