RÜSTRINGER HEIMATBUND e. V.

 

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Burhaver Kirche hat eine wechselvolle Geschichte

Meinhard Wefer aus Bockhorn ist in Burhave geboren, getauft und konfirmiert und auf dem Friedhof liegen etliche seiner Vorfahren begraben. Diese enge Beziehung zu Burhave erklärt auch sein Interesse an der Geschichte des Ortes und Kirche. Insbesondere die alte Wehrkirche, der Vorgängerbau des heutigen Gotteshauses, habe es ihm angetan, erklärte er einmal den Gästen beim heimatkundlichen Klönabend des Rüstringer Heimatbundes. Seine umfangreiche Arbeit hat er auf etwa 50 Seiten niedergelegt.

Bevor die Kirche 1878 einem Neubau weichen musste, hielt ein Fotograf es für wert, sie der Nachwelt zu überliefern. Dieses Bild, das heute im Original in der Pastorei aufbewahrt wird, ist das einzige erhaltene Bilddokument des altehrwürdigen Gebäudes, dessen Ursprung bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts zurückreichen dürfte.

In jener Zeit war das Vertrauen zu den Deichen noch nicht sehr ausgeprägt, so dass man eigens für die Kirche eine hohe Wurt aufschüttete, die sich gut acht Meter über Normalnull (NN) erhob. Die Auftragung der Erde erfolgte in einem Zuge und nicht, wie bei den mittelalterlichen Wurten Butjadingens, schichtweise. Neben dem Schutz vor Sturmfluten hatte der stark überhöhte Standort wahrscheinlich auch einen liturgisch-symbolischen Charakter, wie Meinhard Wefer vermutet.

Auf Betreiben des Burhaver Häuptlings Lübbe Sibets, wurde die Kirche später zu einer Festung ausgebaut und die Kirchwurt, wie auch anderswo üblich, mit Mauer und Graben umgeben. Da er hier auch seine bei der Seeräuberei erworbene Beute lagerte, sprach man in der Zeit eher von einem „rofhus“ (Raubhaus) als von einer Kirche.

Trutzig und wehrhaft erhob sich dieses feste Gebäude aus der flachen Marsch. Als die Bremer 1419 einen Feldzug gegen die Seeräuber unternahmen und dabei das Butjadinger Land eroberten, galt die Kirche von Burhave als die wehrhafteste in ganz Friesland und konnte selbst mit 1000 Mann nicht erstürmt werden. Vier Wochen hielten die Belagerten um Lübbe Sibets stand, ehe sie vor Hunger kapitulieren mussten.

Die Kirche selbst war ursprünglich ein sogenannter Saalbau von gut 17 Meter Länge und 11 Meter Breite (Innenmaß), nach Osten hin später ergänzt um einen Chor. Die Mauern des Kirchenschiffes und des Turmes bestanden aus behauenen Portsandsteinquadern mit einer Zwischenschicht von Steinbrocken in Muschelkalk. Die Steine stammten von der Porta Westfalica, wurden von dort mit Schiffen flussabwärts transportiert und erhielten hier an der Baustelle ihre endgültige Form. Spätere Änderungen am Mauerwerk wurden übrigens in Backstein ausgeführt.

Die Mauern der Kirche, sowohl des Schiffes als auch des Chores, waren etwa 1,15 m dick. Der Turm dagegen hatte noch wesentlich stärkere Mauern. Die Höhe des Kirchenschiffes betrug an der Außenmauer etwa 9 m. An der Nordseite war außen in die Quadersteine eine Rute eingehauen, das war das alte Rüstringer Landesmaß mit einer Länge von etwa 7,10 m. Wann immer es nötig war, wurde von hier das exakte Maß für die Rute genommen. Diese Markierung diente also als Normmaß und galt als das „Wahrzeichen“ von Burhave.

In den 1870er Jahren wurden Stimmen laut, die sich für ein neues, dem Zeitgeist entsprechendes Kirchengebäude aussprachen. Allerdings blieb diese Meinung in der Gemeinde sehr umstritten. Trotzdem setzten sich diejenigen durch, die sich für einen Neubau aussprachen. Die Baumeister Wrede und Geertz erhielten den Auftrag für den Abriss der alten und zum Neubau der heutigen Kirche. Schon am Tag, nachdem sie den Zuschlag erhalten hatten, es war der 7. Mai 1878, legten sie um fünf Uhr in der Frühe los. Keine vier Wochen vergingen, da war von dem alten, ehrwürdigen Gemäuer nichts mehr zu sehen. An gleicher Stelle konnte der Neubau errichtet werden, für den bereits am 4. Juni der Grundstein gelegt wurde.

Nur wenige Teile der alten Kirche sind erhalten geblieben. Dazu gehört die 1451 von dem Bremer Meister Ghert Klinghe gegossene Marienglocke, die bis auf den heutigen Tag noch treu ihren Dienst verrichtet. Sie hat die Plünderungen durch die Grafen von Oldenburg, den Abriss der alten Kirche und auch die beiden Weltkriege unversehrt überstanden und zählt heute zu den wertvollsten kirchengeschichtlichen Kostbarkeiten des Landes.

Zu den ältesten Inventarstücken überhaupt gehört auch der Taufstein aus dem 11. oder 12 Jahrhundert, der möglicherweise bereits eine Vorgängerkirche geziert haben mag. Unklar ist, ob mit dem Abriss der alten Kirche gleichzeitig auch der Taufstein entfernt wurde. Jedenfalls diente er wohl ein Jahrhundert lang im Pastoreigarten als Vogeltränke, ehe man sich dieser Kostbarkeit entsann, und sie anlässlich der Kirchenrenovierung 1980 wieder im Gotteshaus aufstellte.

Hans-Rudolf Mengers

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