RÜSTRINGER HEIMATBUND e. V.

 

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Honigkuchen – eine Spezialität aus Burhave

Fünf Bäcker gab es vor einhundert Jahren in Burhave, dazu zwei Mühlen, in denen Schwarzbrot gebacken wurde, da schien es ratsam, sich zu spezialisieren, wenn man überleben wollte. Einer von ihnen, der Bäckermeister Adolf Gräper, stellte neben den üblichen Erzeugnissen Honigkuchen in großem Stil her und sicherte damit seine Existenz. Erwin Jürgens berichtete einmal über diesen erfolgreichen Vertreter seiner Zunft beim heimatkundlichen Klönabend des Rüstringer Heimatbundes.

Die Gräpers waren einst aus dem Hammelwarder Moor nach Butjadingen gekommen. Der Großvater wurde in Tossens ansässig. Die Eltern wohnten zunächst in Niens und zogen später nach Burhave, wo der Vater, Hinrich Gräper, lange Zeit die Stelle des Kirchendieners innehatte. Adolf Gräper wurde 1859 noch in Niens geboren. Nach der Schulzeit erlernte er das Bäckerhandwerk und machte sich 1887 in dem Haus selbstständig, in dem heute Frank Jürgens seine Bäckerei betreibt. Von besonderer Qualität erwies sich bald sein Honigkuchen. Auf mehreren Ausstellungen erhielt der junge Bäckermeister auf seine Spezialität hohe Auszeichnungen, unter anderem auf der Weltausstellung 1893 in Chicago.

Einzelheiten über die Herstellung des Honigkuchens konnte Erwin Jürgens den Lebenserinnerungen des Gerold Oltmanns aus Syuggewarden entnehmen, der viele Ereignisse aus dem alten Burhave der Nachwelt überliefert hat. Schon Oltmanns wunderte sich über den enormen Umfang der Produktion. Nach dessen Ermittlungen erreichte die Kapazität der kleinen Bäckerei in Spitzenzeiten täglich bis zu zwölf Backgänge und jedes mal wurden in dem großen Backofen zirka 180 Pfund gebacken, zusammen also über 2000 Pfund.

Den Gräper’schen Honigkuchen gab es in zwei Qualitäten. Für den feineren Kuchen verwendete man reinen Naturhonig, für den billigeren dagegen Kunsthonig. Das wirkte sich natürlich auch auf den Preis aus. So kostete die bessere Sorte 38 Pfennig das Pfund, die einfache dagegen nur 28 Pfennig.

In der Werkstatt arbeiteten nur wenige Leute: Der Meister selber, ein Geselle und zwei Lehrlinge. Zuerst stellte man noch alles mit der Hand her, die Anmengung, das Kneten und Formen und auch das Abwiegen und Verpacken der versandfertigen Ware. Dann wurde alles mit dem Pferdegespann zum Bahnhof nach Nordenham gefahren. Von dort gingen fast täglich Lieferungen in alle Teile Deutschlands. Größere Abnehmer gab es in den Städten Leipzig, Chemnitz, Dresden, aber es gab auch viele Kleinabnehmer in den Dörfern Oberschlesiens sowie im südwestdeutschen Raum.

Nach der Jahrhundertwende hielt in der Gräperschen Bäckerei der Fortschritt Einzug. 1908 wurde zunächst, da es ja noch keinen elektrischen Strom gab, ein Benzinmotor aufgestellt, der eine Meng- und Knetmaschine antrieb. Und als im Jahr darauf die Butjadinger Bahn Burhave erreichte, wurde auch der Versand wesentlich einfacher. Die Produktion konnte noch einmal gesteigert werden und oft sind dann, so wird berichtet, in der Woche zwei bis drei Waggonladungen verschickt worden, nachdem weitere Großabnehmer gefunden werden konnten.

Adolf Gräper heiratete 1885 Anna Baack, die ebenfalls aus Burhave stammte. Von den neun Kindern, die sie zur Welt brachte, übernahm später der Sohn Wilhelm das Geschäft, das unter seiner Leitung noch um ein Café erweitert wurde. Die Nachfrage nach Honigkuchen ließ allerdings deutlich nach, vielleicht eine Folge der schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse, vielleicht auch, weil die Konkurrenz stärker wurde. Trotzdem konnte sich die Bäckerei Gräper über alle Zeiten hinweg behaupten. Erst 1970, nachdem er sich zur Ruhe gesetzt hatte, verkaufte Wilhelm Gräper den Familienbetrieb.

Die Rezeptur für den Gräper’schen Honigkuchen ist nicht überliefert. Der einzigartige Geschmack rührte wohl von einer speziellen – und natürlich streng geheimen – Gewürzmischung her, die Vater Adolf Gräper stets selbst zusammengestellte und in einem Leinenbeutel verwahrte. Er allein war es auch, der sie dem Teig hinzufügte. Später vertraute er das Rezept noch seinem Sohn und Nachfolger an, der aber nahm das Geheimnis schließlich mit ins Grab.

Hans-Rudolf Mengers

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