RÜSTRINGER HEIMATBUND e. V.

 

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Das Wasser aus den Gräben war ekelhaft

 „Trink kein Wasser, davon kriegst du Läuse im Bauch!“ Diesen Satz konnte man früher oft hören, und er hatte in Butjadingen durchaus seine Berechtigung, wie Heddo Peters aus Esenshamm bei einem heimatkundlichen Klönabend des Rüstringer Heimatbundes überzeugend nachweisen konnte. Dass die Wasserversorgung darüber hinaus auch bei der Ansiedlung der Industriebetriebe in Nordenham eine wichtige Rolle spielte, war vielen der Gäste neu.

Obwohl von Wasser umgeben, herrschte in Butjadingen immer ein Mangel an Trinkwasser. Meerwasser ist ungenießbar, und das Grundwasser ist zu hart und zu salzhaltig, um als Trinkwasser dienen zu können. Nur das Weserwasser südlich von Beckum konnte direkt aus dem Fluss in die Gräben des Stadlandes eingeleitet werden. Aber das gelangte nicht bis nach Butjadingen. Noch um 1900 sammelten die Menschen hier wie auch im jungen Nordenham das Regenwasser wie zu Urväterzeiten in Zisternen, Fässern und Kuhlen.

Die Qualität dieses Wassers war schlecht, und die Menschen konnten es nur abgekocht verwenden. Wer sich nicht daran hielt, war in seiner Gesundheit gefährdet. Doch wegen des Brennstoffmangels war selbst das Abkochen in Butjadingen fast schon ein Luxus. Daraus erklärt sich übrigens, dass in alten Zeiten Buttermilch und selbstgebrautes Bier die Hauptgetränke waren. Die Oldenburgischen Blätter vom 8. Februar 1819 beschreiben die Situation in den Marschenländern so: „Der Genuß des trüben, mit allerley Insecten und Pflanzen angefülleten Wassers aus den Gräben und Kuhlen ist im höchsten Grade ekelhaft und gewiß der Gesundheit nachtheilig, besonders im Sommer, wo dasselbe in der Regel faulig zu seyn pfleget.“

Die schlimmen Zustände änderten sich erst nach der Fertigstellung des „Butjadinger Zuwässerungskanals“ 1895. Zum ersten Mal in der Geschichte Butjadingens, hatte man auch in den trockenen Sommermonaten frisches, salzarmes Wasser in ausreichender Menge für Menschen und Tiere zur Verfügung. Natürlich profitierte davon in erster Linie die Landwirtschaft. Es ist nachweisbar, dass in den folgenden Jahren der Viehbestand deutlich zunahm und die vormals großen Ackerflächen sich verringerten. An der Trinkwasserversorgung für die Bevölkerung änderte der neue Kanal zuerst einmal nichts. Die Menschen nutzen weiterhin das in Zisternen gesammelte Regenwasser, in trockenen Sommern auch Grabenwasser.

Die Prioritäten in der aufblühenden Stadt Nordenham lagen denn auch nicht so sehr darin, die Bewohner mit Trinkwasser zu versorgen, sondern die industrielle Entwicklung zu fördern. Besonderes Interesse zeigte zunächst die Großherzoglich-Oldenburgische-Eisenbahn (GOE). Die Lokomotiven in dieser Zeit waren Dampfmaschinen und benötigten daher viel sauberes Wasser. Wie auf allen Bahnhöfen gab es auch in Nordenham ein Wasser-Depot, das ständig gefüllt werden musste. Das mag zunächst mehr schlecht als recht funktioniert haben. Doch jetzt, mit einem Kanal in der Nähe, der regelmäßig Frischwasser heranführte, sah die Eisenbahnverwaltung eine Möglichkeit, ihre Wasserprobleme ein für allemal zu lösen.

Schon 1897 baute sie in Atens direkt am Kanalufer ein Wasserwerk. Dort konnte das aus der Weser stammende Wasser gereinigt und gespeichert werden. Verbraucher waren zunächst nur die Eisenbahn selbst und die im selben Jahr gegründete Deutsche Dampffischerei-Gesellschaft „Nordsee“. Deren Fischdampfer waren wie die Lokomotiven auf einen ständigen Nachschub an Frischwasser angewiesen, wie auch die Verarbeitung des angelandeten Fisches reichlich Wasser erforderte.

Der Wasserbedarf war groß, und von daher blieben die Frischwasserprobleme weiterhin bestehen. Als beispielsweise 2 Jahre später 1899 ein Bankenkonsortium das Nordenhamer Weserufer ins Auge fasste, um hier eine Fabrik für die Herstellung von Seekabeln zu errichten, verlangte man neben einer Zuwegung auch einen Süßwasseranschluss inklusive einer garantierten täglichen Wassermenge.

Es wirft ein bezeichnendes Licht auf die Haltung der zuständigen Staatsregierung, wenn man sich deren Stellungnahme anschaut. Die Zusage eines Straßenanschlusses bereitete ihr keine Probleme, weil die Ortsgemeinde Nordenham die Straße auf eigene Kosten bauen wollte. Doch die Wassergarantie wollte man nicht geben, weil das eine bauliche Erweiterung des Atenser Wasserwerkes bedeutete. An den Kosten dafür hätte Oldenburg sich beteiligen müssen. Die Ansiedlung des Seekabelwerkes wäre mit Sicherheit gescheitert, hätte sich nicht der Norddeutsche Lloyd bereit erklärt, mit eventuellen Wasserlieferungen aus Bremerhaven in Notfällen zu helfen.

Nach der sogenannten Gründerzeit Nordenhams und der Ansiedlung der „Midgard“, der „Frerichswerft“ und der „Metallwerke Unterweser“ wurde es schließlich dringend nötig, die Wasserversorgung in Nordenham neu zu gestalten. Im Jahre 1907 baute die Eisenbahnverwaltung deshalb einen Wasserturm an der neuen Bahnlinie nach Blexen nahe dem Seekabelwerk. Das Atenser Wassserwerk war inzwischen umgebaut und erweitert worden, so dass fortan größere Wassermengen zu Verfügung standen.

Der neue Wasserturm bot nun auch die Möglichkeit, private Haushalte im Stadtzentrum mit Trinkwasser zu beliefern. Doch machten von diesem Angebot nur wenige Menschen Gebrauch. Das Trinkwasser, das in Atens aus dem Rohwasser des Zuwässerungskanals produziert und in den Wasserturm gepumpt wurde, war von einer miserablen Qualität und schmeckte trotz Reinigung nach Salz und nach Chlor. Viele Menschen haben deshalb weiterhin lieber ihr Zisternenwasser genutzt und nur im Notfall das Trinkwasser aus dem Wasserturm verwendet. Dann fuhren Wasserwagen durch die Stadt und brachten ihre nasse Fracht zu den Häusern. Bis zum Jahre 1949 war nur etwa die Hälfte aller Nordenhamer Haushalte an das damalige städtische Versorgungsnetz angeschlossen.

Die Trinkwassernot führte übrigens auch dazu, dass manche Industrie-Unternehmen davon abgehalten wurden, hier zu investieren, wie z. B. die Continental-Werke, die sich 1930 für die Übernahme der Frerichs-Werft in Einswarden interessierten, den Plan aber aufgaben – wegen der schlechten Wasserqualität. Natürlich gab es auch Pläne für eine Verbesserung, aber letztlich blieb bis in die Nachkriegsjahre alles beim Alten. Doch verschärften sich die Zustände durch den enormen Bevölkerungszuwachs in jener Zeit beträchtlich.

In dieser Situation bot sich nun eine unerwartete Gelegenheit, die leidige Trinkwassernot ein für alle Mal zu beenden. Das ehemalige Marine-Wasserwerk Feldhausen zwischen Wilhelmshaven und Jever hatte bei Kriegsende seinen Hauptabnehmer, die Kriegsmarine in Wilhelmshaven, verloren. Von den 40.000 m3 Trinkwasser, die in Feldhausen täglich zur Verfügung standen, wurde wegen der starken Zerstörungen in Wilhelmshaven nur etwa die Hälfte benötigt, so dass täglich rund 20.000 m3 Trinkwasser ungenutzt waren und auf neue Abnehmer warteten.

Die umliegenden Landkreise Friesland, Wittmund und Wesermarsch nutzten diese einmalige Gelegenheit. Sie schlossen sich zu einer Interessensgemeinschaft zusammen und gründeten am 14. Juli 1948 den „Oldenburgisch-Ostfriesischen Marschenwasserverband“ mit dem Sitz in Jever. Auf der Dringlichkeitsliste der zu versorgenden Städte stand Nordenham ganz oben. Und so wurde auch umgehend mit dem Bau einer Wasserleitung von Feldhausen über Varel, Diekmannshausen, Seefeld und Abbehausen nach Nordenham begonnen.

Bis zur Fertigstellung dieser 55 km langen Strecke vergingen fast drei Jahre. Aber schließlich konnten am 2. Oktober 1950 die Nordenhamer zum ersten Mal einwandfreies Trinkwasser in ihren Haushalten verwenden. Es war so einwandfrei und wohlschmeckend, dass es in Nordenham schnell den Namen „Feldhauser Sprudel“ erhielt. Die Vorbehalte gegen das Leitungswasser schwanden schnell, und bald ersetzten Wasserhähne die alten Pumpen. Viele Zisternen blieben noch eine Zeitlang in Gebrauch, allerdings nur für solche Zwecke, für die das gute Leitungswasser zu schade erschien. Einige vorsichtige Mitbürger behielten ihre Zisternen vorübergehend wohl auch noch als Trinkwasserreserve für den Notfall.

Der Wasserverband heißt seit 1957, nachdem auch Landkreise der Geest beigetreten waren, „Oldenburgisch-Ostfriesischer Wasserverband“ (OOWV) und hat seinen Sitz inzwischen in Brake. Er versorgt heute im Oldenburger Land und in Ostfriesland rund 900.000 Menschen mit Trinkwasser.

Hans-Rudolf Mengers

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