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Beim Abschied kam der Trennungsschmerz

Niemand erinnert sich an ihn, unbekannt sind auch seine Herkunft und sein Lebensweg. Lediglich die wenigen Daten der Einwanderungsbehörde der Vereinigten Staaten von Amerika bringen ein wenig Licht ins Dunkel um den Auswanderers Gustav Götze, von dem man nur weiß, dass er zumindest einige Zeit auch in Butjadingen verbrachte. Hinterlassen hat er ein einziges Dokument. Es ist ein ausführlicher Brief mit über 7000 Wörtern an seine Freunde in Butjadingen.

Die Adressaten müssen von diesem Brief so begeistert gewesen sein, dass sie Kopien davon angefertigten, die dann, so ist zu vermuten, im Bekanntenkreis kursierten. Eine solche Kopie befindet auch im Hofarchiv von Hans Hermann Francksen, das vor einiger Zeit in das Archiv des RHB übergegangen ist. Heddo Peters entdeckte den Brief dort, als er die Bestandslisten in den Computer eintippte.

Auch Heddo Peters war fasziniert von diesem einzigartigen Dokument, in dem der Amerikafahrer sehr anschaulich über die Reisebedingungen informiert, wie sie Auswanderer vor 150 Jahren auf einem Segelschiff erdulden mussten. Denn so wie Gustav Götze sind im 19. Jahrhundert mehr als fünf Millionen Menschen aus Deutschland in die USA ausgewandert.

Beim Lesen seines Briefes erfährt man, dass dieser Mann längere Zeit in Butjadingen gewohnt hat und dort auch viele Freunde gehabt habe. Er war 33 Jahre alt, offenbar unverheiratet und hatte wahrscheinlich eine medizinische Ausbildung erhalten. Dagegen gab er selbst bei seiner Ankunft in New York an, dass er und Kaufmann von Beruf sei. Über seinen letzten Wohnort ist nichts vermerkt, nur als Land ist Oldenburg angegeben. Auch über die Beweggründe für seine Auswanderung schweigt er sich aus.

Doch mag er sich die Sache reiflich überlegt haben und buchte die Passage für den Sommer 1856 auf dem Dreimaster „Aeolus“. Die 1849 erbaute Bark gehörte zu den kleineren Seglern. Sie war 38 m lang, knapp 10 m breit und beförderte rund 300 Passagiere. Schon als sie sich der offenen See näherten, nachte sich die Übelkeit breit. Einer nach dem anderen fiel der Seekrankheit zum Opfer. „Ach, das ist ein entsetzlicher Zustand!“ schreibt Götze, „nachdem ich Magen und Gedärme auf jede mögliche Weise ausgeleert, wanke ich zur Koje. Fast bewusstlos lag ich da.“

Aber auch das Abschiednehmen zuvor in Bremerhaven war für Gustav Götze keine leichte Sache. Während es ihm zunächst noch gelang, seine Gefühle zu beherrschen, so kostete ihm das zum Schluss, „als es den letzten Händedruck, den letzten Kuß galt,“ aber doch große Mühe. „Ihr habt mich wohl nicht mehr gesehen, liebe Freunde, als ich nachher noch an den Strickleitern des „Aeolus“ stand, Euch, die Ihr dem lieben Butjadingen wieder zufuhret, nachschauend, wie ich mit der Mütze schwenkte und Euch meine Grüße nachwinkte.“

Während der Überfahrt logierte Gustav Götze in der „1. Kajüte“, und gehörte damit zu den privilegierten Passagieren – die meisten Passagiere, etwa 200, reisten nämlich im preiswerteren Zwischendeck. Während dieser langen Schiffsreise – sie dauerte vom 4. August bis zum 22. September – hat der Reisende seine Erlebnisse und Beobachtungen notiert und zu einem eindruckvollen Brief verarbeitet.

Da es keinen Schiffsarzt gab, wurden seine medizinischen Kenntnisse von vielen der Mitreisenden in Anspruch genommen. Der ständige Wind und die kühle Luft verursachten schwere Erkältungen; Verletzungen und Zahnschmerzen waren an der Tagesordnung. Besonders die Kinder litten unter den Strapazen, einige von ihnen sind während der Überfahrt sogar verstorben. In einem Fall wurde Götze auch zur Geburtshilfe gerufen, als eine Frau bald nach Reisebeginn in den Wehen lag.

Im übrigen beschreibt er sehr anschaulich das Arbeitsleben der Mannschaften und das Leben der Menschen an Bord. Besonders die Verhältnisse im Zwischendeck waren sehr deprimierend: „Bei der Abfahrt von Bremerhaven sah es im Zwischendeck wohl bunt, aber doch verhältniß mäßig ordentlich aus; denkt Euch nun aber 4 – 6 Wochen weiter und addirt hinzu allen Staub, Schmutz und Dreck, den 200 Menschen auf einer Seereise zu verursachen pflegen, Ihr erkennt den Raum nicht wieder! Der Fußboden ist schlüpfriger als die glatten Marschwege, wenn es geregnet hat.“

Endlich, am 22. September 1856, erreichte man die ersehnte „Neue Welt“. Die Einfahrt in den Hafen von New York machte auf alle einen überwältigenden Eindruck: „Ein über alle Beschreibung erhabenes Panorama rollte sich jetzt mehr und mehr vor unseren Blicken auf, jeder staunte über die ungeheure Menge der Segel- und Dampfschiffe, die uns begegneten, oder an denen wir vorüberfuhren; und als nun endlich tief im Hintergrunde Jersey, New York und Brocklyn sich zeigten, da entfuhr allen ein Ausruf der Bewunderung. Einen so wunderschönen Anblick habe ich nie genossen.“

Aber auch die Stadt selbst lernte er bald kennen und war auch hier wieder ganz entzückt: „Diese gewaltige Stadt Euch näher beschreiben zu wollen, das, Freunde, wäre Vermessenheit von mir. Was sind Bremen, Hamburg, Berlin? - Erbärmliche Nester! Sie sind nicht nennenswert neben New York, wenn man das Leben und Treiben, den Wandel und Handel, das unsägliche Gewühl und Gewimmel in jeder Straße, an jedem Platz hier sieht.

Stolz berichtet er auch, wie er sein erstes Geld auch amerikanischem Boden verdiente: „Ich habe für 2 Kinder, welche an den Masern krank liegen, etwas verordnet und aus einer deutschen Apotheke herbey geschafft.“ Dann entschließt er sich aber doch, New York wieder zu verlassen und in Richtung Westen weiter zu reisen.

Es ist leider nicht bekannt, wohin er sich wandte und ob er sein Glück als Kaufmann oder als Arzt noch hat machen können, denn weitere Briefe sind bisher nicht aufgetaucht. So verliert sich auch hier seine Spur aufs neue.

Hans-Rudolf Mengers

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