RÜSTRINGER HEIMATBUND e. V.

 

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Abdecker blieben stets Außenseiter

Wer Vieh hält, muss auch mit Verlusten rechnen. Verendete Tiere werden heute vom „Kadaverwagen“ abgeholt und dann zentral verwertet und entsorgt. Aber wie war das früher? Dieser Frage ist Heinrich Wübbenhorst aus Strückhausen nachgegangen. Über seine Nachforschungen zu diesem „anrüchigen“ Kapitel der Wirtschaftsgeschichte berichtete er einmal beim heimatkundlichen Klönabend des Rüstringer Heimatbundes in Stollhamm.

Ein verendetes Tier hatte wegen seiner Haut durchaus noch einen beachtlichen Wert. Nun ist aber das Abziehen eines bereits in Verwesung übergegangenen Kadavers aber nicht jedermanns Sache. Zuständig waren dafür seit Alters her die Abdecker, oft auch Schinder (skin = Haut) genannt. Selbstverständlich musste der Kadaver anschließend noch begraben werden, nicht nur des Gestanks wegen, sondern auch, um zu verhindern, dass Teile von Hunden, Katzen und Vögeln verschleppt wurden.

Auch die Obrigkeit hatte deshalb ein großes Interesse am ordnungsgemäßen Abdecken und Begraben des gefallenen Viehs. Die Oldenburger Grafen erließen um 1600 die ersten Verordnungen, in denen sie für die meisten Vogteien festlegten, dass hier die Scharfrichter für die Abdeckerei zuständig waren. Diese Tätigkeit überließen die Scharfrichter, die man als Meister bezeichnete, meistens ihren Knechten. Für das Privileg der Abdeckerei bezahlte der Meister eine Abgabe an den Grafen. Es wurde genau geregelt, wo und wie tief die Kadaver begraben werden mussten.

Erwischte man jemanden, der selber ein Tier abgeledert und verscharrt hatte, so musste er trotzdem den Abdecker bezahlen und hatte außerdem eine Strafe zu erwarten. Die Vergütung des Abdeckers richtete sich nach dem Alter des Tieres und der Entfernung zwischen dem Wohnort des Abdeckers und des Tierbesitzers. Übrigens war es auch Aufgabe der Abdecker, feste Toilettenanlagen, so genannte „heimliche Gemächer“, zu entleeren.

Wegen ihrer „anrüchigen“ Tätigkeiten galten die Scharfrichter und Schinder als unehrenhaft. Niemand wollte mit ihnen zu tun haben, niemand ihre Kinder in die Lehre nehmen. So bildeten ihre Familien und die ihrer Knechte praktisch eine eigene Kaste. Beide Berufsgruppen waren aufgrund ihrer sozialen Außenseiterstellung Jahrhunderte lang gezwungen, untereinander zu heiraten und sind deshalb über weite Gebiete hinweg vielfältig miteinander verwandt und versippt.

Im Bereich des Landgerichts Ovelgönne gab es drei Abdecker: einen in Strückhauser Altendeich bei Ovelgönne, einen am Prieweg bei Eckwarden und einen in Atens. Insbesondere mit der Geschichte der Övelgönner Abdeckei hatte sich Heinrich Wübbenhorst eingehend beschäftigt. Er konnte nachweisen, dass dieses Gewerbe bei dem heute noch vorhandenen Haus an der Einmündung des Bückeburger Weges in die Bahnhofstraße seit 1670 rund 200 Jahre lang betrieben worden ist.

Die damaligen Scharfrichter waren Christian Mesching und Jobst Sparenberg. Sie hatten wohl einen anderen Wohnsitz und überließen die Abdeckerei ihren Knechten, die man auch als Halbmeister bezeichnete. Deren Namen sind aber nicht überliefert. 1717 verkaufte Sparenberg das Anwesen zusammen mit dem Recht der Abdeckerei an seinen Knecht Hans Erich Schriever.

Bis zum Ende des Abdeckereiwesens blieben Haus und Konzession im Besitz derselben Familie. Auf Hans Erich Schriever folgte sein Sohn Andreas, dann der Enkel Johan Christoph. Dessen Sohn hieß wieder Andreas und dem wiederum folgte 1826 in der nun fünften Generation Johan Christoph. Dieser J.C. Schriever war zugleich der erste Kreistierarzt in dieser Gegend, betrieb aber durch Angestellte weiterhin die Abdeckerei, die ihm auch nach Abschaffung der Konzessionen (1859) wegen seines hohen Alters bis zu seinem Tode 1872 verblieb.

Aber auch in Ovelgönne waren diese Bürger nicht gern gesehen. Als 1701 die Frau des Abdeckers gestorben war, wurde die Bauerschaft aufgeboten, um die Leiche zum Friedhof zu bringen und ihr zu folgen. Aber von den Ovelgönnern waren nur wenige erschienen und die wollten die Leiche nicht tragen. Die Schulmeister weigerten sich, die Orgel zu „schlagen“ und den Gesang der Schulkinder zu führen. Und so gingen alle unverrichteter Dinge wieder nach Hause. In der Nacht haben dann Verwandte und Berufskollegen des Abdeckers die Frau beerdigt. Die dazu benutzte Bahre lag später im Kirchhofsgraben. Keiner wollte sie mehr benutzen.

Hans-Rudolf Mengers

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