RÜSTRINGER HEIMATBUND e. V.

 

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Die Landwirtschaftsschule in Neuenburg eröffnete 1862 mit 14 Schülern

„Wer es dort ernst nahm, bekam viel für sein Leben mit nach Hause“, so schrieb Bernhard Cornelius aus Burhave in seinen Erinnerungen über die Ackerbauschule im Schloss Neuenburg. Er sollte es wohl wissen, denn Cornelius gehörte zu den ersten Jahrgängen von Schülern dieser 1862 eröffneten Landwirtschaftsschule Neuenburg. Meinhard Wefer, der selber in Neuenburg wohnt, berichtete darüber einmal beim heimatkundlichen Klönabend des Rüstringer Heimatbunds.

Bauernsöhne besuchten früher überwiegend die Volksschule und erlernten das Rüstzeug für den Beruf des Landwirts bereits im Elternhaus von Kindesbeinen an, denn eine Mitarbeit war schon im jüngsten Alter üblich. Nach der Schulentlassung arbeiteten sie auf dem eigenen Hof, in einem fremden Betrieb oder sie absolvierten eine landwirtschaftliche Lehre bei einem tüchtigen Bauern. Das früher vermittelte theoretische Wissen und die praktischen Fertigkeiten beruhten auf Erfahrungen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte die Landwirtschaft einen spürbaren Aufschwung, hervorgerufen durch günstige Vieh und Fruchtpreise. Gerade in den Marschen fehlte es vielen Bauern nicht an Finanzmitteln, ihren Söhnen nun eine qualifizierte Ausbildung zukommen zu lassen. Es mangelte lediglich an geeigneten Bildungsstätten im Lande.

Erst als sich die Oldenburgische Landwirtschaftsgesellschaft dieses Problems ernsthaft annahm, gab es endlich Fortschritte. In einer Denkschrift empfahl sie schließlich nachdrücklich die Errichtung einer Ackerbauschule für das Großherzogtum. Um den angehenden Geest und Marschenbauern gleichzeitig gerecht zu werden, kam daher nur ein Betrieb mit Landflächen der wichtigsten Bodenarten (Marsch, Geest und Moorboden) in Frage. Solche geeigneten Landflächen sollten sich nach Meinung der Verfasser der Denkschrift in der Umgebung von Varel finden.

1856 entschied man sich endlich für das Schloss Neuenburg als Standort für eine solche Schule. Entscheidend dafür waren unter anderem, dass hier sowohl staatseigene Flächen in ausreichender Größe als auch Unterbringungsmöglichkeiten für die Zöglinge vorhanden waren. Aber immer noch stand der Staat dem Unternehmen abwartend gegenüber. Immer neue Bedenken verschiedener Seiten mussten ausgeräumt werden.

Dann aber trat in Jahre 1860 der Lehrer der Ackerbauschule zu Esens, Johann Diederich Thyen, mit einem neuen Plan hervor. Er schlug vor, eine Privatanstalt mit Unterstützung des Staates zu errichten. Die Regierung ließ diesen Plan näher prüfen und legte ihn dem Landtag vor. Auch dieser beurteilte das Vorhaben positiv und bewilligte die nötigen finanziellen Mittel – immerhin rund 32.000 Taler und einen jährlichen Zuschuss auf die ungedeckten Kosten.

Dagegen erwartete man von den Schülern Schul und Kostgeld. Die Kosten für Wohnung, Essen, Pflege mit Einschluss der Wäsche beliefen sich jährlich auf 90 bis 125 Taler. Das Schulgeld betrug für das Halbjahr 15 Taler. In der Regel sollten die Zöglinge ihre Wohnung und Beköstigung in der Anstalt erhalten und praktisch unter Familienanschluss des Direktors betrachtet werden, da dieser so am besten Einfluss auf ihre sittliche Bildung nehmen könnte.

Thyen, ein Mann mit hervorragenden Fachkenntnissen, wurde erster Direktor der neuen Privat-Landwirtschaftsschule. Am 1. Mai 1862 konnten Gebäude und Ländereien schließlich von der Schule übernommen und der Lehrbetrieb eröffnet werden. Während des Sommers waren dort bereits 14 Schüler, von denen Thyen sechs von der Ackerbauschule zu Esens mitgebracht hatte. Sie kamen alle aus der Wesermarsch: Timme (Oldenbrok), Oetken (Düke), Heye (Strückhausen), Hespe (Abbehausen), Jaborg (Strückhausen) und Ruschmann (Norderschwei).

Die Schule bildete zwei Abteilungen, die jeweils nach einem eigenen Lehrplan unterrichtet wurden, so dass ein Schüler in zwei Jahren die Schule absolvieren konnte. Um in der untersten Klasse aufgenommen zu werden, sollte ein junger Mann Nachweisungen über sein „sittliches Betragen“ beibringen. Er sollte wenigstens „geläufig lesen, schreiben und rechnen und die gewöhnlichen landwirtschaftlichen Arbeiten verrichten können.“ Die sofortige Aufnahme in die höhere Abteilung sollte möglich sein, wenn die nötige Befähigung dieses zuließ und der Platz vorhanden war.

Die Lehrpläne unterschieden streng nach Sommer und Wintersemester. Während im Winter die Theorie im Vordergrund stand, sollten im Sommer die praktischen Arbeiten in der Landwirtschaft den Vorrang haben. Im Lehrplan waren folgende Fächer vorgesehen:
 

  • deutsche Sprache mit Lesen, Schreiben und Anfertigen von Aufsätzen
  • Rechnen mit landwirtschaftlicher Buchführung
  • Mathematik mit Feldmessen und Nivellieren
  • Pfanzen, Tier- und Tierarzneikunde
  • Allgemeine Bodenkunde und Düngerlehre
  • Acker, Wiesen und Gartenbau
  • Deutsche und Oldenburgische Geschichte
  • Zeichnen und Bauanschläge









Die Landwirtschaftsschule nahm schon bald nach ihrer Entstehung einen sehr erfolgreichen Aufschwung. Bereits 1871 galt sie überregional als eine Musteranstalt. Sie wurde sogar vom preußischen Minister für Landwirtschaft ausdrücklich gelobt. Trotz ihrer Erfolge konnte sie sich aber nicht lange halten. Im Zuge der Übernahme durch den Staat erfolgte 1879 die Verlegung nach Varel.

In den 17 Jahren des Bestehens der Schule in Neuenburg wurden etwa 500 Schüler ausgebildet. Die Absolventen erfuhren dort wesentliche Grundlagen für die spätere Tätigkeit auf ihren Höfen. Zugleich aber schätzten sie auch den Blick über den Tellerrand, den Kontakt mit Menschen aus anderen Regionen.

Bernd Cornelius aus Burhave, der mit zu den ersten Jahrgängen gehörte, erinnerte er sich lebhaft an die verschiedenen Formen des Zeitvertreibs außerhalb der Schulzeit. Noch Jahrzehnte später schwärmte er in seinen Lebenserinnerungen von der schönen Zeit, die er dort verlebte. Besonders der Erfahrungsaustausch mit den anderen Schülern habe ihm, der sonst kaum aus Butjadingen herausgekommen sei, viel bedeutet.

Besondere Freude bereiteten ihm die Vergnügungsabende mit Theateraufführungen, Sketchen und Tanzbelustigungen. Auch Sport wurde betrieben. So machte man an schönen Tagen Fußtouren in die Umgebung und auch das Klootschießen wurde sehr fleißig ausgeübt. Eine gute Konstitution war auch erforderlich, wenn es zu Beginn der Ferien nach Hause ging. Der Weg von Neuenburg bis Burhave hatte immerhin eine Länge von 48 km – und musste zu Fuß bewältigt werden.

Hans-Rudolf Mengers

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